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unter dem gipfel, 2015

Als Barack Obama im bayrischen Krün das Weissbierglas zum Prosit hebt, klicken die Kameraverschlüsse. Ihm gegenüber sitzt Gastgeberin Angela Merkel, die entstehenden Bilder gehen um die Welt. Im Biergarten vollzieht sich einer jener Momente der Repräsentation, bei denen Volksnähe und gleichzeitig der Schulterschluss der Mächtigen hüben wie drüben des Atlantiks demonstriert werden.

Der Anlass: Die Regierungschefs der "Gruppe der Sieben" finden sich später zum Gipfeltreffen im Fünfsternehotel Schloss Elmau ein, auf 1008 Metern über Meer. Auf dem Gruppenfoto vor den Bergmassiven im Hintergrund erscheinen selbst sie klein und unbedeutend. Genau wie die demonstrierte Bodenständigkeit beim Bier täuscht aber auch der Eindruck der Bescheidenheit - in den Verhandlungsräumen des Schlosses sollen im kleinen Rahmen der ganz Grossen weitreichende Beschlüsse gefasst werden.

Szenenwechsel. Rund 300 Meter unter dem Schloss, im vor allem als Wintersportort bekannten Garmisch-Partenkirchen, hat sich ein bunter Haufen aus verschiedenen Gruppierungen unter dem Motto "Stop G7 Elmau" eingefunden. Ein Zeltlager wurde nach langem Hin und Her mit Bewilligung der Gemeinde aufgebaut. Demonstrationen, Blockaden und ein Sternmarsch zum Gipfel sollen den Protest so nah wie möglich an den Veranstaltungsort tragen. Auch hier wird um die Aufmerksamkeit der Medien gebuhlt, die Weltöffentlichkeit soll nicht nur die Inszenierung der Mächtigen oben, sondern auch den Unmut der Demonstranten unten sehen.

Das ist den Organisierenden ein Dorn im Auge. Die Devise scheint zu lauten: Nur kein zweites Heiligendamm, wo es bei Protesten gegen den G8-Gipfel acht Jahre zuvor zu schweren Auseinandersetzungen gekommen war. Die Höhendifferenz zwischen Garmisch-Partenkirchen und dem Schloss sowie das schwer gangbare Gelände sind erste Hindernisse. Ein enormes Sicherheitsdispositiv soll auch das Restrisiko eliminieren, dass die eingerichtete Sicherheitszone um das Schloss von den Falschen betreten wird. Der Staat lässt seine Muskeln spielen und scheut dafür keine Kosten: Tausende Polizeikräfte stehen im Einsatz, strenge Grenzkontrollen werden durchgeführt, provisorische Gefängniszellen zur schnellen Inhaftierung von Demonstrierenden stehen bereit, der Luftraum wird überwacht.

Die Anwohner haben die meisten Geschäfte geschlossen und verbarrikadiert - wie vor einer Belagerung. Sie beklagen den Einbruch des für die Gegend so wichtigen Tourismus; letztlich bleibt ihnen nichts übrig als zu beobachten. Die Berglandschaft in ihrer Idylle unterstreicht die Skurrilität der Szenerie. Doch die Vorkehrungen scheinen ihre Wirkung zu zeitigen. Die Weltöffentlichkeit sieht vor allem die Inszenierung: Den biertrinkenden Obama, die Gastgeberin Merkel, die Mächtigen vor der sommerlichen Alpenkulisse. Die vorliegende Fotoserie zeichnet ein anderes Bild, das Bild einer Machtdemonstration, welche die Demonstrierenden unten von den Verhandlungen oben fernhalten soll und das Bild eines absurden Schauspiels auf der Bühne eines kleinen Ortes im Ausnahmezustand.

Hannes Weber